Vorbemerkung
Nicht nur sind die Menschen verschieden, sondern die Leser sind es auch. Soweit ein Ausgangspunkt der Anregungen in diesem Buch. Aus diesem Mosaik setzt sich bei genauerer Betrachtung ein Gesamtbild zusammen, wie wir als Gesellschaft allmählich doch eine Wende zum Besseren schaffen könnten. So wird hier die Handvoll zugrunde liegender Botschaften immer aufs Neue formuliert und zusammengesetzt, mal polemisch, mal analytisch & sachlich, mal eher dichterisch. Das heißt, es wiederholt sich nichts, aber es reimt sich.
Jeder Leser hat die eigenen Präferenzen, was Stil und Schwerpunktthemen anbelangt. Somit wird eingeladen, bei der Lektüre die eigene Reihenfolge und sogar Auswahl zu bestimmen. Vor allem: Sich Zeit nehmen und wirken lassen.
Der Blick aus mehreren Perspektiven soll zum Schluss ein Gesamtverständnis vermitteln, mit dem der Leser gestärkt in die Welt zurückkehren und diese womöglich ein wenig verändern kann. Somit kann das Infragestellen Früchte tragen.
Außerdem soll das Lesen angenehm und spannend wirken.
Alte Weichenstellungen
Erste Behauptung
An den kleinen Schlüsselstellen wie an den großen sitzen immer wieder die Falschen. Da, wo es etwas zu entscheiden gibt, da, wo jemand etwas zu sagen hat, findet sich immer seltener einer, den man aufgrund seines Charakters respektieren könnte, dessen Leistungen für das Gemeinwohl stehen (und nicht eher für die eigene Karriere), selten einer, der seine Aufgaben mit Mut anstelle Kalkül, mit Offenheit anstelle Hinterhalt meistert. Wir steuern auf eine Gesellschaft zu, die nur noch von Opportunisten und ihren gelegentlichen Weggefährten — den Psychopathen — im kleinen wie im großen bestimmt wird. Die gerundeten, ausgeglichenen, in sich ruhenden Personen werden ausgegrenzt, und dadurch haben auch diese es äußerst schwer, so zu bleiben, geschweige denn sich positiv zu entfalten.
Zweite Behauptung
Die Arbeit ist immer stärker verkehrt verteilt. Nicht nur — offenbar — dass die Einen zu viel, die Anderen gar nicht arbeiten. Die Menschen sind angehalten, gegeneinander zu arbeiten, und viele tun dies auch. Das Miteinander findet dafür ersatzweise in den PRErklärungen über die Teamarbeit statt. Die Aufrichtigen stehen unter Beweis oder Anpassungszwang und sind somit der Beurteilung durch die Karrieristen ausgesetzt. Das persönliche Vertrauen ist hin, die Leistungen vom Vorjahr zählen nicht mehr. Es ist tatsächlich so, dass, je mehr in Führungskreisen von Leistung die Rede ist, umso weniger eine solche von diesen geliefert wird.
Dritte Behauptung
Da, wo von Mehrwert die Rede ist, werden regelmäßig Werte gemindert, auch zerstört. Die monetäre Abbildung hat Vorrang, ohne dass hinterfragt wird, inwieweit diese einer Abbildung der Wirklichkeit und den gesellschaftlich wichtigen Werten gerecht wird. Die Unzulänglichkeiten der monetären Abbildung werden aber durch eine sinnwidrige Steuerpolitik noch ins Ungeheure gesteigert. Man könnte in allen Ländern fast sämtliche wirtschaftlichen und finanziellen Probleme der Gegenwart auf eine seit Jahrzehnten gepflegte Vernachlässigung von durchgreifenden Steuerreformen zurückführen. Dieses von der Politik und dem Parteiensystem zu verantwortende Versagen hat sich massiv zugunsten derer ausgewirkt, die das System zu manipulieren wissen, dabei selbstverständlich auf Kosten der bescheidenen Kreise.
Vierte Behauptung
Bei jeder sogenannten Reform findet eine Flucht in weitere Regelwerke statt. Ausgerechnet die Regeln aber hindern die Verantwortlichen daran, geradezustehen. Werden sie zur Rede gestellt, berufen sie sich auf ihre Einhaltung der Regeln — auf neudeutsch „Compliance“. Beziehungsweise werden die Regeln — und nicht zuletzt die Gesetze — eher so ausgelegt, dass die Inhaber von Macht der Zuweisung der Verantwortung ausweichen. Und wenn schon Strafe, dann auf Bewährung oder im schlimmsten Fall eine milde. Diejenigen, die sich zeitlebens nicht um Macht gekümmert haben, vielleicht weil sie Wert auf Beziehungen zu ihren Mitmenschen oder auf eine zufrieden stellende Arbeitsgestaltung oder — dem Zeitgeist trotzend — auf Anstand gelegt haben, — diese Menschen ziehen regelmäßig den kürzeren. So hat es die Regel. Nach Charakter wird nicht gefragt, ebenso wenig nach Standfestigkeit.
Fünfte Behauptung
Demokratie bedeutet vorwiegend nur noch Diskussionskultur und im besten Fall Interessenvertretung. Gerade die am besten informierte und engagierte Öffentlichkeit erhält kaum die Chance, bei den wesentlichen Entscheidungen mitzubestimmen. Die Fragestellungen der Medien liegen meistens daneben — die wesentlichen Themen werden vermieden.
Sechste Behauptung
Wir erhalten vorgeblich freie Leistungen dank der Werbung. Die Sache hat einige Haken. Sobald wir einkaufen, tragen doch wir die Werbekosten, und zwar sind diese mehrfach höher, als eine schlichte Information über das Produkt je kommen würde. Wir erhalten aber keine Information, sondern eine Desinformation: Die Uraufgabe der Werbung ist die Verfäl schung der Kaufentscheidung. So werden die Nachteile eines Kaufs verschwiegen (zum Beispiel, ob wir für das neue Gerät oder Kleidungsstück Platz haben oder einen Nutzen, der im Verhältnis steht, oder ob nicht eine andere Marke, geschweige denn eine andere Lösung, sinnvoller wäre).
Aber auch bei den kostenlosen Leistungen müssen wir Abstriche hinnehmen. Nicht nur, dass die Werbung stört und nervt: sie drängt sich auf wie eine Gehirnwäsche. Ähnlich wie der Anruf vom Befragungsinstitut, da, wo man beim Klingelton einen Freund erhofft hat. Dass man auch noch auf andere Fragen eingehen würde, als sie das Institut stellt, kommt hinzu. Die Zeitungsreportage tritt mal leise, um die Werbeträger nicht zu erschrecken; die Suchmaschine muss sich über die Rangord nung der Treffer mitfinanzieren. Das sind Nebenkosten, die alle zu tragen gezwungen sind. Denn man kann sich nicht einmal freikaufen, indem man etwa eine unabhängige Suchmaschine abonniert oder eine Telefonnummer erhält, die für Wahlauto maten gesperrt ist.
Das Buch richtet sich an Leser, die ihre eigenen Meinungen und Feststellungen unter den vorangegangenen Behauptungen in etwa wiederfinden. Es ist nicht adressiert an Leser, die noch an die langsamen Selbstheilungskräfte der vorhandenen Demo kratieform glauben oder sonst — wie Nachfahren von Voltaires Charakter Pangloss — überzeugt sind, dass der Markt letztendlich alles zum Besten regeln wird. Adressiert ist es ebenfalls nicht an diejenigen, die sich an herkömmliche Berufsbilder mit hohen und festen Arbeitszeiten für alle klammern.
Die Behauptungen stellen den Ausgangspunkt dar, nicht den Endpunkt. Denn es gilt zu erkennen, wie alles einmal anders aussehen könnte, ohne vorauszusetzen, dass die mensch liche Natur sich grundlegend verändert. Es gilt auch, Wege aufzuzeigen, wie institutionelle und kulturelle Veränderungen eingeleitet werden können, ohne Errungenes zu zerstören. Kurzum gilt es, die fatalen Schwachstellen der vorhandenen Institutionen und Denkgewohnheiten schonungslos zu be schreiben und durchdachte Alternativen vorzuschlagen.
Das Buch besteht aus einer Reihe von teils polemischen Essays, von denen zwar jeder für sich steht, die zusammen genommen aber ein aussagekräftiges Gesamtbild ergeben sollen. Die großen —und gefährlichen —Schlüsselbegriffe werden unter die Lupe genommen: Wenn zum Beispiel einer schon von Ethik, Werten, Gerechtigkeit, Professionalität oder auch von Geld, Arbeit, Markt und Demokratie spricht, so muss er verständlich und kritisch vorführen, was er darunter versteht. Das tun aber die wenigsten, die sich zu Wort melden, und damit werden diese Worte zu Schummelbegriffen. Sind ande rerseits die Begriffe ausreichend geklärt, so kann man mögliche Veränderungen — neue Weichenstellungen — deutlich erkennen und beschreiben. Dann erst können auch die möglichen Wege hin zu den Veränderungen skizziert werden.